Tagesverwechslung

Vor ein paar Jahren hatte ich es geschafft, ein Zeugen-Jehovas-Pärchen zu mir nach Hause einzuladen, um über ihren Gott und die Welt zu sprechen (Ich habe nämlich den Eindruck, es ist ihnen oft wesentlich lieber, wenn die Wohnungstür vor ihrer Nase zugeschlagen wird, als dass sie tatsächlich ein Gespräch mit den Menschen anfangen müssen). Da ich kurz zuvor die Schöpfungsgeschichte mit frischen, nicht-mehr-katholischen Augen gelesen hatte, wollte ich darüber diskutieren.

Mir war zum Beispiel aufgefallen, dass es in meinem früheren katholischen Umfeld üblich war, zu sagen, dass der Gott den Menschen am sechsten Tag erschaffen hatte, und er anschließend am siebten Tag ruhte. Ich hatte jedoch genauer hingesehen und fand, dass der Mensch schon am fünften Tag geschaffen worden sein soll. Das Pärchen war überrascht von meiner diesbezüglichen Erklärung. Der Mann begann sofort eine Diskussion mit mir, während die Frau mangels Lehrbefugnis schwieg und leise in ihrer kleinen Minibibel zu lesen begann. Ich weiß nicht mehr, wie Diskussion letztlich endete, aber ich hatte das Gefühl, dass ich dem Mann schlüssig dargelegt hatte, warum die Schöpfungsgeschichte sagt, dass der Mensch am fünften und nicht am sechsten Tag erschaffen worden sein soll. Dann passierte es: Die Frau hob ihren Blick von der Bibel, sah mich an und verkündete: »Je öfter ich das lese, desto mehr bekomme ich den Eindruck, dass der Mensch am sechsten Tag erschaffen worden ist!« Seit diesem Moment habe ich ein bisschen Angst vor den Zeugen.

Wie passiert so etwas?

Wie kann es sein, dass es zu solch unterschiedlichen Interpretationen des gleichen Texts kommt? Beim Vergleich von Genesis 1:23 der Bibelübersetzungen fand ich einen Hinweis:

Neue Welt (Zeugen-Bibel): »Und es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein fünfter Tag.«
Einheitsübersetzung (EU): »Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.«
Luther-Übersetzung: »Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.«

Ich habe den Eindruck, dass die Formulierungen in der EU und der Zeugen-Übersetzung bewusst vage gehalten sind, um den Sechsten-Tag-Mythos nicht zu angreifbar zu machen, der möglicherweise von irgendwelchem Kirchenpersonal absichtlich oder unabsichtlich in die Welt gesetzt wurde.

Diese Sorge hatten Luther und das Team, das sich um seine Übersetzung kümmert, offenbar nicht; und so war es ihnen möglich aus der bloßen Aneinanderreihung von »Abend, Morgen, fünfter Tag« eine explizite zeitliche Ordnung herzustellen.

Für jemanden, der zum ersten Mal in der Bibel von der Geschichte liest, ohne zuvor davon gehört zu haben, wird dieser Unterschied ziemlich egal sein und in jedem Fall die richtige Information finden. Wer die Story aber mit spezifischen Erwartungen an den Inhalt liest, wird sich vermutlich über den seltsamen Satz wundern und den widerspenstigen Inhalt eher ignorieren, da er ja glaubt, die Fakten bereits zu kennen.

Vor Kurzem musste ich wieder an das Erlebnis mit den Zeugen denken, als ich erneut in der Genesis las und feststellen musste, dass ich eine vollkommen eigene Interpretation der Geschichte um Adam und Eva entwickelt hatte!

Wer ist gut und wer böse?

Eine unkatholische Sicht ermöglicht es, die typische Rollenverteilung noch einmal zu überlegen. Die Schlange ist der Teufel? Die Bibel ist voll mit Schlangen, die keine Teufel sind, und der Teufel wird in dieser Geschichte kein einziges Mal erwähnt. Das viel später entstandene neue Testament (Offb. 12:9) muss als »Beweis« herhalten, dass Schlange und Teufel identisch sein sollen. Die Schlange ist böse? Die einzige Attribut der Schlange, das ich finden konnte, war »listig« (Gen. 3:1). »Listig« ist aber eine wertneutrale Eigenschaft. Ein Mensch, der das Gute in Person ist, kann ohne Widerspruch auch gleichzeitig listig sein. Besonders da jemand, der listig ist z.B. seltener zu gewalttätigen Mitteln greifen muss. Nachdem die Genesis uns aber letztlich nicht direkt sagt, was wir von der Schlange zu halten haben:

Gott: »[V]on dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben« (Gen. 2:17)
Schlange: »Ihr werdet keineswegs des Todes sterben[…] [A]n dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« (Gen. 3:4-5)

Der tatsächliche Ausgang sieht dann so aus: Adam wird 930 Jahre alt (Gen. 5:5), und selbst der Gott muss zugeben: »Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.« (Gen 3:22)

Fazit: Der (allwissende!) Gott lügt bewusst, und die Schlange sagt die Wahrheit. Also muss in dieser Geschichte die Schlange gut sein, während der Gott der Bösewicht ist.

Auch die Umstände rund um den Mord an Abel (Gen. 4:3-8) zeigen den Gott in einem moralisch zweifelhaften Licht: Er singt Loblieder ohne Unterlass für Abels fleischhaltige Opfergaben, während er für Kain, der sich um pflanzliche Nahrung kümmert, nur Verachtung übrig hat. Er provoziert Kain so lange, bis dieser seinen eigenen Bruder aus Eifersucht erschlägt. Zweifellos entschuldigt das Verhalten des Gottes hier keinen Mord, aber es macht ihn doch sehr viel leichter nachvollziehbar.

JHWH, der Sklavenhalter

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Der Gott ist allmächtig (z.b. Gen. 17:1). Wenn er zu seiner Belustigung einen Garten haben will, muss er quasi nur mit den Fingern schnippen und der Garten ist da. Wenn er richtig schnippt, ist der Garten auch komplett wartungsfrei. Trotzdem hat der Gott den Menschen geschaffen, zu dem Zweck, dass dieser sich um des Gottes Garten kümmert (Gen. 2:15). Das sollte einen doch mal stutzig machen! Wenn man die Lügenmärchen über einen angeblich »lieben« Gott ablegt, die einem »katholischen« Kind einindoktriniert werden, bis es sich nicht mehr wehren kann und den Originaltext nicht mehr hinterfragt, kann man zu sehr interessanten Ergebnissen kommen:

Wie leben Adam und Eva in diesem Garten? Sie haben vom Gott die fixe Aufgabe, die Gartenarbeit zu übernehmen. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein, dass die beiden zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden können. Man könnte diese Erkenntnis im weiteren Sinn auch als Bildung sehen. Schließlich ist es nicht trivial selbst festzustellen, was gut ist und was böse. Dies würde eine Vorhersage der Konsequenzen verschiedener Handlungsmöglichkeiten erfordern, die weniger gebildete Menschen vielleicht nicht immer so gut hinkriegen können, und sich stattdessen vielleicht lieber auf die Moral ihrer Gruppe stützen (z.B. von Dorf, Kirche, Partei, etc.).

Ein Beispiel: Ist es gut, wenn wir mehr CO2 ausstoßen? Heute pfeifen die Spatzen von den Dächern, wie das zu beurteilen ist. Aber im Zeitalter der Industrialisierung wurden rauchende Schlote zweifellos mehr mit steigender Produktivität, also etwas positivem, verbunden. Treibhauseffekt und Klimawandel waren noch nicht so gut bekannt/abzusehen/einzuschätzen wie heute.

Die für eine Unterscheidung nötige Bildung würde Adam und Eva vermutlich dazu bringen, ihre Position zu hinterfragen und Forderungen nach Freiheit und Unabhängigkeit zu stellen. Das ist zweifellos das letzte, was man für seine Sklaven will – die sind schließlich einfacher zu halten, wenn sie ungebildet und abhängig sind.

Eine weitere Frage wäre, wie gut sich der Gott um seine »Kinder« kümmert: Aus Gen. 3:8 lernen wir, dass es im Paradies durchaus auch mal ziemlich kühl sein kann. Trotzdem hält es der Gott nicht für nötig, seinen Sklaven Kleidung zu geben: Erst als er die beiden aus dem Garten wirft, kleidet er die beiden ein (Gen. 3:21).

Interessant ist auch der physische Umgang des Gottes mit den Menschen. Wir erinnern uns, dass Adam quasi aus dem Erdboden (Gen. 3:23) geschaffen wurde. Um Eva zu erschaffen, bediente der Gott sich einer anderen Methode: Er betäubte Adam und entnahm ihm eine Rippe (Gen. 2:21). In der Genesis ist nicht verzeichnet, ob der Gott Adam um sein Einverständnis gefragt hat, oder nicht; aber wenn nicht, dann liegt hier eine Art ethisch höchst bedenklicher »Organentnahme« vor. Eine Behandlung, die man eher Sklaven zukommen lassen würde, als seinen eigenen Kindern. Speziell, wenn man bedenkt dass zur Zeit der Entstehung dieses Texts die Leute keine Bakterien oder Desinfektionsmittel kannten und Chirurgie wahrscheinlich nicht wesentlich über »Zähne reißen« und »ein Loch in den Schädel bohren« hinaus entwickelt war. Allein eine infizierte Schürfwunde konnte schon den Tod bedeuten, ganz zu schweigen von einer OP.

Was die Autoren vielleicht wirklich sagen wollten

Jetzt, da wir festgestellt haben, dass die Geschichte von Adam und Eva nicht zu dem taugt, wofür sie die Katholiken gerne hätten, wofür ist sie stattdessen gut?

Ich gehe davon aus, dass die Entstehung dieser Geschichte eine Art frühe Hochkultur erforderte. Die Menschen waren schlau genug, um eine Schrift zu entwickeln und schriftstellerisch tätig zu werden. In so einer Kultur sind sie nicht mehr dazu verdammt, sich ständig um das Jagen, Anbauen oder Zubereiten von Nahrung zu kümmern, um ihr Überleben für den nächsten Tag zu sichern. Dies ermöglicht ihnen letztlich auch, über das Phänomen der Religion nachzudenken, das sie überall um sich gesehen haben müssen. Wahrscheinlich waren sie auch selbst religiös. Jemand, der sich mit diesem Phänomen nicht anfreunden konnte, hätte seine Außenseiter-Sichtweise verewigen können. Diese könnte etwa wie folgt ausgesehen haben:

Die oben bereits erwähnte Rippen-OP könnte eine Metapher für religiöse Körpermodifikationen oder Verstümmelungen sein. Ein Außenstehender war vermutlich auch damals schon von dem Gedanken entsetzt, der jeweilige Gott könnte zum Beispiel eine Genitalverstümmelung fordern. Das Bild von der Rippen-OP könnte daher als Hyperbel darauf gedacht sein (da damals ziemlich sicher noch gefährlicher).

Interessant ist auch, dass eine der ersten Reaktionen von Adam und Eva auf die Fähigkeit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden ist, dass sie sich vor dem Gott verstecken. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die beiden festgestellt haben, dass der Gott in Wirklichkeit böse ist. In diesem Zusammenhang wird auch erwähnt, dass sie ihre Nacktheit bemerkten und sich Schurze aus Feigenblättern herstellten (Gen. 3:7). Ich würde es nicht für ausgeschlossen halten, dass den Menschen auch zur Entstehungszeit schon bekannt war, dass männlich-dominierte Hierarchiereligionen mit schlecht überlegten Sexualvorschriften zu sexuellem Missbrauch führen. Besonders da wir schon vorhin festgestellt haben, dass Adam und Eva Sklaven waren, wäre es nicht weit hergeholt, wenn der Gott sich an den beiden sexuell vergangen hätte. Und da sie es nicht besser wussten, bekamen sie es erst mit der Scham und auch Angst zu tun, nachdem sie einmal gut über die moralischen Qualitäten ihres Gottes nachgedacht hatten. Und solange die Menschen keine moralischen Urteile abgeben können, hat der Gott auch noch den Vorteil, dass ihm entsprechende Vorwürfe und unangenehme Fragen komplett erspart bleiben.

Aber auch weitere gesellschaftliche Phänomene sind in diesem Text versteckt. Betrachten wir die Figur der Schlange etwas genauer. Sie will die Menschen dazu bringen, zu lernen, Bildung zu erwerben, damit sie frei sein und eine robuste, widerstandsfähige Zivilisation aufbauen können. Es ist auch interessant, um wen von den beiden sich die Schlange zuerst kümmert: Die Frau. Damit nicht die Hälfte der Bevölkerung auf Heim-und-Herd-Tätigkeiten beschränkt ist? Vielleicht steckt in der Schlange auch etwas Feminismus?

Es ist jedenfalls sehr eindeutig, wie der Gott der Schlange dankt: Er verflucht sie und setzt Feindschaft zwischen sie und den (religiösen?) Menschen (Gen. 3:14ff). Auch die Frau verflucht er zu Schmerzen und Abhängigkeit von Männern (Gen. 3:15). Dies könnte eine scharfe Beobachtung der Bildungs- und Frauenfeindlichkeit sein, wie sie auch heute in mehr als einer Religion vorzufinden sind (Katholizismus anyone?)

Letztlich hält der Gott auch für Adam noch einen interessanten Fluch bereit: »[V]erflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist« (Gen. 3:17ff). Für mich hört sich das so an, als wollte mich jemand warnen, vor allzu eifriger oder auch totalitärer Ausübung von Religion. Die hat das Potential dazu, eine Hochkultur mit Schrift, Mathematik, Architektur, etc. derartig zu zerstören, dass die Menschen wieder gezwungen sind, sich als primitive Agrargesellschaft zu organisieren, in der viel Wissen verlorengegangen ist, und die Menschen nur mehr Zeit für die Landwirtschaft, religiöse Übungen und den einen oder anderen Krieg finden. Keine Neugier, keine Bildung, kein Fortschritt. Nur das nackte Überleben.

Anmerkungen

Soweit nicht anders angegeben dient die Lutherbibel als Quelle für Zitate. Ich möchte außerdem festhalten, dass meine Interpretation den gleichen wissenschaftlichen Anspruch hat, wie die katholische Legende vom Sündenfall.