Der Lainzer Kreis ist eine „Denkwerkstatt für ein christliches Leben in der Gegenwart“. Dort findet man engagierte katholische Frauen und Männer, Priester und Laien, die einander regelmäßig im Kardinal König Haus, dem Bildungszentrum der Jesuiten in Lainz, treffen. Am 17.3.2019 lud er den Obmann der Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt Sepp Rothwangl zu einem öffentlichen Gespräch zum Thema Missbrauch und Kirche, Sexuelle Gewalt, Zurichtung, Machtmissbrauch, Verjährung und Vertuschung als System in der katholischen Kirche ein.

Es nahmen ca. 20 Zuhörer teil, die größere Hälfte kam vom Lainzer Kreis; Priester war keiner dabei. Der Rest kam aus diversen religionskritischen Vereinen und es waren auch einige Betroffene anwesend. Vorab möchte ich anerkennend anmerken, was der Lainzer Kreis gemacht hat: Er hat den (juristischen und ideologischen) Gegner der Kirche eingeladen. Es wurden in der Tat alle Begriffe bzw. Probleme aus der Ankündigung behandelt:

  • Missbrauch vs. sexuelle Gewalt,
  • Machtmissbrauch,
  • Zurichtung, und nicht zuletzt
  • Verjährung und Vertuschung als System in der katholischen Kirche.

Der Chairman hat deutliche Worte, wie ich sie noch nie von einem aktiven Katholiken gehört habe, gefunden. Auch hat sich keiner der Zuhörer dem Problemkomplex verschlossen oder versucht, ihn wegzudiskutieren, wie es in den oberen Riegen der katholischen Kirche vorkommen kann. Die Rückwärtsgewandtheit Papst Benediks und sein enttäuschender Nachfolger wurden offen angesprochen.

Das Gespräch begann mit einem Rückblick zur Affäre Groer (1990er) und Rothwangl stellte die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt vor. Danach schilderte er seinen eigenen Fall, der sich in einem Grazer Bubeninternat zutrug. Die sexuelle Gewalt, die er als Zwölfjähriger erleiden musste, war nicht so brutal wie bei vielen anderen Fällen. Worunter er jedoch – wie beinahe alle Opfer – besonders litt, ist der Umstand, dass er „fertig gemacht und gemaßregelt“ wurde, als er den Vorfall beim Internatsleiter angezeigt hatte. Es kam sogar so weit, dass die Kirche der Täter zu seiner Mutter schickte, um bei ihr ein positives Bild zu festigen, während Sepp für mehrere Wochen das Internat nicht verlassen durfte. Die Opfer werden jahrelang als Querulanten, Nestbeschmutzer, Lügner und Verleumder abgestempelt, was einen lang andauernden Heilungsprozess nach sich zieht.

Es wurde festgehalten, dass Mädchen und Buben betroffen waren und sind und dass man auch über andere Formen von Gewalt als sexuelle Gewalt reden muss. Auch der jüngste Skandal, der Nonnen-Missbrauch, wurde diskutiert. Das größte Problem der katholischen Kirche ist vielschichtig.

Da Rothwangl ein Waldgrundstück in der Steiermark besitzt, über welches ein Pilgerweg nach Mariazell führt, stellte er dort folgende Verbotsschilder auf:

(c) Sepp Rothwangl.

Damit erreichte er ein Medienecho bis nach Australien.

Der Zölibat

Eine zuverlässige Studie aus Ulm hat gezeigt, dass der Anteil an pädophilen bzw. sexuellen Straftätern unter Klerikern zwei mal höher ist als in der restlichen Bevölkerung. Die Kirche ist also ein Hotspot für Pädokriminalität. Diese Studie geht von 600.000 Opfern 1945 bis 2016 aus. In Österreich kann man also um die 60.000 Opfer erwarten.

Was ist die Ursache für eine zweihundertprozentige Steigerung pädophiler Neigungen unter Klerikern?

Der Zölibat?

Es wurde angesprochen – ich hörte kein Dementi.

Die Klasnic-Kommission

Besondere Kritik wurde an der sog. Klasnic-Kommission geäußert. Frau Klasnic habe ihre Arbeit mit folgenden Worten begonnen:

Wir sind angetreten, um größeren Schaden von der Kirche abzuwenden.

Unabhänigiger Opferschutz der Diözesen.

Vernetzungstreffen, welche von der Plattform Betroffen angeboten werden, wurden als eine erste Hilfestellung für Opfer sexueller Gewalt ausgewiesen. Die Kommission lehnt es jedoch ab – unter dem Vorwand datenrechtlicher Gründe – dass sie Betroffene untereinander vernetzt. Der eigentliche Sinn der Klasnic-Kommission ist es, Zeit zu schinden, um in die Verjährung zu gelangen, Opfer abzuspeisen und die Kirchensteuerzahler zu beschwichtigen. Wir reden also nicht von OPFER-SCHUTZ.AT, sondern von KIRCHEN-SCHUTZ.AT. Ein anwesender Jurist merkte an, dass es ohnehin schon eine höchstprofessionelle Opferschutzkommission in Österreich gäbe: Die Staatsanwaltschaft; sie kümmert sich um die Anliegen der Opfer und auch um die strafrechtliche Verfolgung der Täter. Doch warum wird sie so selten aktiv? Warum hat sie so wenig Erfolg?

Kirche und Staat – das Konkordat

Artikel XX. Im Falle der strafgerichtlichen Belangung eines Geistlichen oder einer Ordensperson hat das staatliche Gericht sofort den für den Belangten zuständigen Diözesanordinarius zu verständigen und demselben raschestens die Ergebnisse der Voruntersuchung und gegebenenfalls das Endurteil des Gerichtes sowohl in der ersten als in der Berufungsinstanz zu übermitteln.

Im Falle der Verhaftung und Anhaltung in Haft soll der Geistliche (Ordensperson) mit der seinem Stande und seinem hierarchischen Grade gebührenden Rücksicht behandelt werden.

Im Falle der rechtskräftigen unbedingten Verurteilung eines Geistlichen wegen eines Verbrechens wird die Bundesregierung unbeschadet sonstiger aus den strafgesetzlichen Vorschriften sich ergebender Rechtsfolgen, falls der Diözesanordinarius den Geistlichen nicht ohnehin von seinem Amte entfernt, die Einstellung der ihm etwa zukommenden Dotation (Kongruaergänzung) verfügen.

https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10009196

Das Konkordat, ein Staatsvertrag zwischen Österreich und dem Vatikan, verhindert, dass die Staatsanwaltschaft verdeckt ermitteln kann. Nein, es muss nicht sein, dass es eine Packelei zwischen Staat und Kirche gibt, sie ist jedoch oft anzutreffen. Unterlagen verschwinden, Versetzungen erfolgen, Amtsmissbrauch passiert. Das Konkordat begünstigt das Nichtaufklären von kirchlichen Missbrauchsfällen.

Am Schluss kam ein Missbrauchsopfer zu Wort, welcher seinen besonders schweren Fall vortrug. Hier kann man von „Zurichtung“ und professionellem Kinderhandel sprechen. Er erzählt im Film Die Kinder lassen grüßen von seinem Schicksal.

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Titelbild: (c) MJ