Wie ich vom christlichen Glauben abfiel

Ich ging zum Erstkommunionsunterricht, weil alle dort hin gingen. Alles war dort neu für mich, denn meine Eltern waren Kommunisten und Atheisten und das Christkind bis zu diesem Winter nur ein blondes Mäderl, das Geschenke bringt. „Ab heute könnt ihr jeden Abend vor dem Schlafen zu Gott beten, wenn ihr das nicht eh schon tut.“ … Weiterlesen „Wie ich vom christlichen Glauben abfiel“

Erstkommunion

Ich ging zum Erstkommunionsunterricht, weil alle dort hin gingen. Alles war dort neu für mich, denn meine Eltern waren Kommunisten und Atheisten und das Christkind bis zu diesem Winter nur ein blondes Mäderl, das Geschenke bringt.

„Ab heute könnt ihr jeden Abend vor dem Schlafen zu Gott beten, wenn ihr das nicht eh schon tut.“ Der Pfarrer sah mir durchdringend in die Augen. „Und ein Engel wird horchen, welche Sorgen ihr habt, und wird es dem lieben Gott erzählen.“

Na gut, dachte ich, wenn er das sagt. Ich war es bis zu diesem Zeitpunkt ja gewöhnt, dass Vorschläge von Erwachsenen gute Dinge waren: „Greif das nicht an, das ist heiß!“ – „Schau immer, bevor du über die Straße gehst.“ – „Halt den Mund, sonst wird der Papa böse, wenn er die Nachrichten nicht versteht.“
Ich rollte mich also abends im Bett zusammen, faltete die Hände artig (hatte ich auch erst lernen müssen!) und betete. Sorgen hatte ich eigentlich keine. Auch keine Wünsche oder Ängste. Ich war ein glückliches Kind von acht Jahren, ich stellte die Welt nicht in Frage. Der Engel ging mir nicht aus dem Kopf. Muss ich laut murmeln, damit mich der auch versteht? Wo ist der eigentlich?

Wie auf Knopfdruck spürte ich so eine Gestalt hinter mir. Wie der Herr Lehrer in der Schule, der mir beim Schreiben zuschaut. Zwei Sekunden vor: „GABY! Schon wieder schief! Radier das aus! Noch einmal!“

Gruselig.

Ich wollte eigentlich nicht, dass mir wer im Bett zuhört. Ein dicker Knödel war in meinem Hals. Geht der Typ wieder weg? Schaut mir der beim Schlafen zu? Ein Fremder??? „LieberGottmachmichfromm,dassichindenHimmelkommAMEN!!!“ und Augen zu und Decke übern Kopf und hoffentlich ist er jetzt weg!

Am nächsten Abend probierte ich es wieder, aber ich hatte schon Angst, dass dieser Typ da ist und mich beobachtet, bevor ich die Hände faltete. Ich spürte ihn ganz deutlich hinter mir. Wenn ich die Augen zumachte, sah ich ihn sogar: Groß, muskulös, brünettes, welliges Haar, Riesenflügel. Und er schaute. Ernst. Bös. „Und? Was hast du denn für Sorgen? Bete! Jetzt! Ich hab nicht den ganzen Abend nur für dich Zeit.“

Ich riss die Augen auf, nahm allen Mut zusammen und drehte mich in den Raum. Er war leer. Ich hielt so lange die Augen offen, bis es nicht mehr ging. Beten, wusste ich von diesem Abend an, ist nicht für mich gemacht. Sollen die anderen, gut für sie! Der Liebe Gott und seine gütigen Schutzengerln können mich kreuzweise. Und daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. Ständige, externe Kontrolle macht mir Paranoia. Und Paranoia ist nicht mein Ding, Baby.

Hattet ihr ein ähliches Erlebnis? Gibt es in eurer Biographie einen „Hände weg!“-Punkt? Erzählt mir davon!

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dorisnussbaumer
3 Jahre zuvor

Das Jesuskindlein und seine bunt gemixte Entourage waren schon seit Kindertagen „irgendwie da“, meist als Anlass für Geschenke – sie zu bekommen fand ich super, sie zu basteln, eigentlich auch, wenn es nicht zu mühsam oder das Ergebnis hässlich war. Ich glaube, das erste religiöse Artefakt, das ich im Kindergarten herstellte, war eine Palmsonntagspalme aus Bast. Mit dem raschelnden Material zu hantieren, machte mir Spaß, ich zeichnete auch gern, und von mir aus halt auch Nikoläuse, obwohl mich die Kramperln und Ganggerln und Schiachperchten eigentlich mehr interessierten. (Aber vor denen habe sich ein „richtiges Mädi“ gefälligst zu fürchten, hieß es.)… Weiterlesen »

gabykodym
gabykodym
3 Jahre zuvor

Wau, das ist super spannend. Irgendwie bin ich jetzt neidisch, dass mir das entgangen ist. So ein streng durchgeplanter Tag und bett’n, bett’n, bett’n… Hast schon einmal ausgerechnet, wie viel Zeit die dir mit sinnlosem Geschwafel gestohlen haben? In Stunden/Lebenszeit? :)
Ich möchte auf jeden Fall alles weiter hören!

Michael Jachan
Michael Jachan
3 Jahre zuvor

Hi Doris! Wäre Dein Text nicht einen eigenen Blogartikel wert?

wope48
wope48
3 Jahre zuvor

Ich wuchs in einem behüteten, erzkatholischen Elternhaus in Pinzgau auf. Als Kindergartenkind wollte ich sogar Bischof werden ;-) Die bunten Kleider gefielen mir damals. Da es in meiner unmittelbaren Umgebung kein Gymnasium gab, glaubten meine Eltern, ich wäre in einem katholischen Internat einer Klosterschule gut aufgehoben. Schon bald bemerkte ich den Unterschied zwischen Schein und Sein. Ich begann zu zweifeln. Als wir über die Gottesbeweise lernten, diskutierte ich mit dem Religionslehrer. Ich führte alle diese niedlichen Beweise („die Rose ist so schön, also muss es einen Gott geben“ und ähnlichen Stumpfsinn) auf den kausalen Gottesbeweis zurück. Als wir uns darauf… Weiterlesen »

Michael Jachan
Michael Jachan
3 Jahre zuvor
Reply to  wope48

Hi Wolfgang! Wäre Dein Text nicht einen eigenen Blogartikel wert?

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