Eine queerfeministische Analyse der „Gospel of the Flying Spaghetti Monster” unseres Propheten Bobby Henderson

Verfasst von: Schwester Eva Rosina, Gründungsmitglied des feministischen Ordens Les Femmes Farfalle der KdFSM Österreich

Verwiesen wird im ganzen Text auf folgende Ausgabe des Heiligen Textes: Henderson, Bobby: The Gospel of the Flying Spaghetti Monster. New York: HarperCollinsPublishers 2006.

Teil 1: hier.

Die Stripper*innenfabrik

In der Übersetzung der Nudeligen Schrift ins Deutsche (und mutmaßlich auch in andere Sprachen, die grammatikalisches Gender anders als Englisch ausdrücken) sind einige Ungereimtheiten in Bezug auf den Feminismus des Fliegenden Spaghettimonsters festzustellen: Der Prophet verheißt uns bekanntermaßen im Jenseits einen Biervulkan und eine „stripper factory“ (viii) – letzteres wurde ins Deutsche mit „Stripperinnenfabrik“ übersetzt, obwohl der englische Begriff „stripper“ genderneutral ist und alle Stripper*innen einschließt. Doch auch in diesem Punkt prüft das FSM unseren Glauben durch Inkonsistenz: In einer Abbildung des Jenseits sind ausschließlich weiblich gelesene Personen beim Strippen zu sehen, und in der Schöpfungsgeschichte ist nur von „women“ in durchsichtigen Highheels die Rede (vgl. 91). Gleichzeitig beantwortet der Prophet im Namen des Monsters die Frage, ob es im Jenseits denn auch „male strippers“ gebe, eindeutig mit Ja (vgl. 83). Allerdings seien diese für „non-homo guys“ unsichtbar (vgl. 83). Wie es sich sonst bezüglich Unsichtbarkeit verhält, ist unklar – also die Frage, ob hetero Frauen und Schwule ausschließlich Stripper und Lesben ausschließlich Stripperinnen sehen, pansexuelle Menschen aber alle Stripper*innen usw. Die Existenz der „stripper factory“ offenbart uns auch eine positive Einstellung der Nudeligkeit gegenüber Sexarbeit, wobei die Tatsache, dass die Stripper*innen in einer Fabrik hergestellt werden, Debatten über deren Objektifizierung durch den Propheten bzw. das Spaghettimonster lostritt. Dazu ist festzuhalten, dass wir alle vom Fliegenden Spaghettimonster geschaffen sind. Ob dies in einer Fabrik geschieht oder anders, ist irrelevant für Fragen des freien Willens der Menschen. Ein handgetischlerter Sessel ist schließlich nicht weniger oder mehr ein Objekt als ein Ikea-Sessel. Zudem hat das Monster bewusst das Konsensprinzip in einem der „I’d Really Rather you Didn’ts“ (vgl. 100) betont. Wir können uns die Stripper*innen im Nudeligen Jenseits also als komplett frei von Zwang sich für diesen Beruf entschieden habende Personen denken – alles andere würde ja auch der Grundidee eines Paradieses widersprechen.  

Pronomen und Berufsbezeichnungen

Im Deutschen haben wir das Glück, dass unsere Nudeligkeit, das Fliegende Spaghettimonster, mit dem Artikel „das“ automatisch geschlechtsneutral gedacht werden kann. Beziehen wir uns im Folgesatz auf das Monster, so geschieht dies mit dem Pronomen „Es“, das ebenfalls ein sächliches grammatikalisches Geschlecht ausdrückt. Keineswegs wird das Monster dadurch degradiert, doch gedanklich den Menschen entrückt, ähnlich wie „das Wesen“, „das All“, „das Universum“. Im Englischen sind die Artikel zwar geschlechtsneutral („the/a Flying Spaghetti Monster“), doch die Personalpronomen orientieren sich bei vernunftbegabten Wesen immer an dem Geschlecht einer Person, so wie es von der sprechenden Person zugeschrieben wird. Das sächliche Pronomen „It“ ist im Englischen eindeutig verdinglichend: Im Deutschen ist „Dieses Mädchen…. Es hat das Eis fallen gelassen“ ganz normal, im Englischen „That girl…. It dropped the ice cream“ allerdings ein Zeichen, dass das Mädchen entmenschlicht wird. Das ist wohl der Grund, warum der Prophet sich gegen „It“ als Pronomen für das Monster entschieden hat. Im englischen Originaltext der Gospel hat das Monster tatsächlich das männliche Pronomen „He“ (vgl. 4) bzw. „His“ (vgl. viii)! Es gibt keinerlei Grund, warum die Nudeligkeit männlich oder überhaupt mit Geschlechtsidentität interpretiert werden sollte, gerade weil Sie sich an anderen Stellen für absolute Gleichberechtigung aller Geschlechter ausspricht, und Es als abstraktes Prinzip des Seins nicht einer Gruppe Menschen näherstehen sollte als anderen. Wie so oft handelt es sich also um eine Glaubensprüfung, eine Referenz auf veraltete Religionen. Die korrekten Pronomen, um sich im Englischen auf das FSM zu beziehen, sind selbstverständlich „They“ und „Them“, die auf Personen geschlechtsneutral referieren und auch im Singular verwendet werden können. Manchmal wird auch das Pronomen „Quob“ verwendet, das ausschließlich das Nudelige Monster bezeichnet und so Quobs Sonderstellung hervorhebt. Während Berufsbezeichnungen im Englischen oft neutral bezüglich Geschlechtsidentität sind, „passiert“ es dem Propheten an mehreren Stellen, dass er bei den nicht neutralen Berufen ausschließlich die männliche Form verwendet, etwa „men of science“ (10) oder „congressmen“ (12). Zwei widerstrebende Interpretationsmöglichkeiten ergeben sich hier: Entweder das Monster will uns zum Nachdenken darüber bringen, dass wir zwar über den Begriff, der ausschließlich Männer bezeichnet, beim Lesen stolpern, wir aber selbst oft bei Wissenschaftler*innen und Politiker*innen (aufgrund der Unterrepräsentation von Personen mit anderen Geschlechtern) zuerst an Männer denken. Die andere theologische Interpretation baut auf der Beobachtung, dass das Monster nicht intelligent ist (vgl. 39-42). Es könnte Ihm (dem Monster) also einfach passiert sein.  

Weiter zu Teil 3: hier.

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