Viele von uns kennen das: Ein/e Freund/in oder Verwandte/r wird Elternteil, und die katholische Taufe steht (nicht) zur Diskussion: Die betroffene Person hat im Prinzip nichts mehr mit der Kirche zu tun, ist vielleicht sogar ausgetreten oder spielt mit mit dem Gedanken, aber trotzdem ist sie überzeugt, das Kind taufen lassen zu müssen. Wenn man genauer nachfragt, erfährt man, dass sozialer Druck auf die Person ausgeübt wird: Man müsse das Kind taufen lassen, weil sonst für gewöhnlich die angehenden Urgroßeltern oder Großeltern ein Schaden entsteht, sei es einfache Enttäuschung oder in schlimmeren Fällen auch ein angedrohter Herzinfarkt. Typischerweise erfolgt diese Argumentation kaum von den fraglichen (Ur-)Großeltern in Spe, sondern von einem anderen Verwandten. Dagegen kann man schwer mit Argumenten ankommen. Probieren wir es trotzdem.

Dieser Text bezieht sich ausdrücklich auf die Kindertaufe. Die Erwachsenentaufe ist eine persönliche Entscheidung des angehenden Täuflings, die, sofern er im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten ist, und kein äußerer Zwang besteht, als solche prinzipiell akzeptabel ist.

1. Sozialer Zwang

Hierfür gibt es nicht viel zu sagen. Am besten sollte man der betroffenen Person verklickern, dass zigtausend andere Menschen aus katholischen Familien mit derselben Strategie erpresst werden: Im einfachsten Fall hilft es, ein Gespräch mit der Person zu führen, die angeblich den Schaden erleidet, um das »Missverständnis« aufzuklären (oder sie zumindest auf das unerfreuliche Ereignis vorzubereiten).

2. Werte des katholischen Taufrituals

Ich habe den Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) konsultiert, der regelt was man in der katholischen Kirche glaubt, um hier zusammenfassend einige schriftlich festgehaltene Wertvorstellungen, die der Taufe zugrundeliegen anzusprechen, sodass die betroffene Person selbst feststellen kann, ob sie mit diesen Werten übereinstimmt und sie dem Kind durch die Taufe angedeihen lassen will:

Wert: Den minderwertigen Täufling töten

Vielleicht haben sie schon mal gehört, dass die ursprüngliche Taufe durch Untertauchen im Fluss den Täufling symbolisch etrtränken soll, um ihn nachher »wiederaufzuerstehen« zu lassen, indem er nach dem Auftauchen nach Luft japst, mit der quasi der Heilige Geist eingesaugt wird. Das muss ein sehr eindrucksvolles Erlebnis sein. Waterboarding ist nicht umsonst eine Foltermethode, die beim Opfer tiefe Eindrücke hinterlässt.

Vielleicht halten Sie diese Interpretation des Taufgeschehens für eine atheistische/anti-katholische Hyperbel, aber bis auf das »Einsaugen des Heiligen Geistes« und die Spekulation über das Erleben des Täuflings konnte ich die zugrundeliegende Idee auch dem KKK entnehmen, der weiter geht und den Täufling gar symbolisch begräbt:

»Darauf folgt der wesentliche Ritus des Sakraments: die eigentliche Taufe. Diese zeigt an und bewirkt, daß der Täufling der Sünde stirbt, dem Pascha-Mysterium Christi gleichgestaltet wird und so in das Leben der heiligsten Dreifaltigkeit eintritt. Am ausdrucksvollsten wird die Taufe durch dreimaliges Eintauchen in das Taufwasser vollzogen […]«
—KKK 1239

»Dem heiligen Apostel Paulus zufolge wird der Gläubige durch die Taufe in den Tod Christi hineingenommen; er wird mit ihm begraben und er ersteht mit ihm auf.

„Wißt ihr denn nicht, daß wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm 6, 3-4)«
—KKK 1227

»Man nennt es Taufe nach dem in seinem [des Sakraments] Vollzug wesentlichen Ritus: [T]aufen (auf Griechisch „baptízein“) bedeutet „eintauchen“. Das Eintauchen ins Wasser versinnbildlicht das Begrabenwerden des Katechumenen in den Tod Christi, aus dem er durch die Auferstehung mit ihm als eine „neue Schöpfung“ hervorgeht.«
—KKK 1214

Wert: Das Evangelium erpresst zur Taufe

Vielleicht haben Sie auch eine Variante hiervon gehört:

Ein Indianer spricht mit einem Missionar: »Also wenn ich das richtig verstehe, muss ich mich taufen lassen (und/oder sonstige christliche Einschränkung erdulden), sobald ich vom Evangelium gehört habe, da ich sonst in die Hölle komme«. Missionar: »Ja das ist korrekt«. Indianer: »Wenn du es gut mit mir meinst, warum hast du mir dann überhaupt vom Evangelium erzählt?«

Auch das ist keine Hyperbel. Der Katechismus lehrt:

»Der Herr selbst sagt, daß die Taufe heilsnotwendig ist. Darum hat er seinen Jüngern den Auftrag gegeben, das Evangelium zu verkünden und alle Völker zu taufen. Die Taufe ist für jene Menschen heilsnotwendig, denen das Evangelium verkündet worden ist und die Möglichkeit hatten, um dieses Sakrament zu bitten. Die Kirche kennt kein anderes Mittel als die Taufe, um den Eintritt in die ewige Seligkeit sicherzustellen. […] Gott hat das Heil an das Sakrament der Taufe gebunden, […]«

—KKK 1257

Am Rande erwähnenswert ist auch noch, dass von der Bindung des Heils an die Taufe natürlich Ausnahmen für der Kirche Wohlgesinnte gibt:

»Den Katechumenen [Menschen, die sich auf die Erwachsenentaufe vorbereiten, Anmerkung von mir], die vor der Taufe sterben, sichert das ausdrückliche Verlangen nach der Taufe, die Reue über ihre Sünden und die Liebe jenes Heil zu, das sie nicht durch das Sakrament nicht empfangen konnten«
—KKK 1259

Und nicht zuletzt haben die Star-Märtyrer ebenfalls eine Sonderregelung:

»[…] Menschen, die wegen des Glaubens den Tod erleiden, ohne vorher die Taufe empfangen zu haben, durch ihren Tod für und mit Christus getauft werden. Diese Bluttaufe, sowie das Verlangen nach der Taufe bringen die Wirkungen der Taufe hervor […]«
—KKK 1258

Wert: Die weitere Verbreitung des Katholizismus

Wie schon durch das obige Zitat von KKK 1257 andeutet, ist die Taufe ein primärer Teil des Ausbreitungsmechanismus des katholischen Glaubens: Wer getauft ist, muss verkündigen, und wer die Verkündigung vernommen hat, muss sich kraft Höllendrohung taufen lassen, was wiederum erfordert, ein Katholiken-konformes Leben zu führen, was wiederum dazu führt, dass das Evangelium verkündigt werden muss. Auch wenn in vorwiegend katholischen Ländern die Verkündigung kaum noch von Durchschnittskatholiken praktiziert wird, ist die Verbreitung des Katholizismus immer noch ein Wert, der durch die Taufe vermittelt wird.

Es besteht auch kein Zweifel, dass das Kirchenrecht mit der Verteilung von Taufen sehr großzügig ist:

»Ein ausgesetztes Kind oder ein Findelkind ist zu taufen, wenn nicht nach sorgfältiger Prüfung der Angelegenheit seine Taufe feststeht.«
—CIC can. 870

»In Todesgefahr wird ein Kind katholischer, ja sogar auch nichtkatholischer Eltern auch gegen den Willen der Eltern erlaubt getauft«
—CIC can. 868 §2

Die für Getaufte geforderte konforme Lebensweise ist der Kirche immerhin so wichtig, dass der Zugriff durch den örtlichen Priester nicht weitführend genug ist. Sie fordert die Beistellung von bis zu zwei »Anstandsdamen« (Paten), die zur Sicherstellung der katholischen Erziehung dienen, sollten die Eltern, denen diese Aufgabe in erster Linie abgefordert wird, versterben oder gar vom Glauben abfallen, doch dazu später mehr.

Wert: Die Zementierung der patriarchalen Hierarchie

Die Unterstützung der kirchlichen Hierarchie ist ebenfalls eine Folge der Taufe. Selbst wenn die Verkündigung nicht mehr so ergiebig ist im Bezug auf die Mitgliedszahlen, so ist für katholisch verheiratete Paare immer noch eine möglichst große Familie »gottgefällig«. Das bedeutet mehr Kirchenmitglieder und damit mehr Beitragszahler. Auch das Kirchenrecht selbst gibt der Taufe noch ein Stück männlichen Territorialverhaltens mit:

»Außer im Notfall darf ohne die nötige Erlaubnis niemand in einem fremden Gebiet die Taufe spenden, selbst seinen Untergebenen nicht.«
—CIC can. 862

3. Ein Volksfest der Heuchlei

Betrachten wir abschließend noch die Rollen, die in einer Taufe vorkommen, sowie die zugeordneten Voraussetzungen und Verhaltensvorschriften:

Aufklärung

Es liegt nicht nur in unserem, sondern auch im Interesse der katholischen Kirche, dass die Eltern und ggf. die Taufpaten genauestens über die Bedeutung und Folgen der Taufe informiert werden:

»Die Feier der Taufe muß in der gebotenen Weise vorbereitet werden; deshalb gilt: […] 2° die Eltern eines Kindes, das getauft werden soll, und ebenso jene, die den Patendienst übernehmen wollen, sind über die Bedeutung dieses Sakraments zu belehren; der Pfarrer hat persönlich oder durch andere dafür zu sorgen, daß also die Eltern mit seelsorgerlichem Zuspruch und sogar mit gemeinsamem Gebet in der gebotenen Weise vorbereitet werden; er soll dazu mehrere Familien versammeln und sie nach Möglichkeit besuchen.«
— CIC, can. 851

»§1 Damit ein Kind erlaubt getauft wird, ist erforderlich: […] 2° es muß die begründete Hoffnung bestehen, daß das Kind in der katholischen Religion erzogen wird; wenn diese Hoffnung völlig fehlt, ist die Taufe gemäß den Vorschriften des Partikularrechts aufzuschieben; dabei sind die Eltern auf den Grund hinuzuweisen. […]«
—CIC, can. 868

Paten

Wenn ein tatsächlich katholischer Taufpate angedacht ist, gibt es hier a priori keine Heuchelei, aber wenn nicht, sind auch folgende Vorschriften zu bedenken:

»Einem Täufling ist, soweit dies geschehen kann, ein Pate zu geben; dessen Aufgabe ist es, dem erwachsenen Täufling bei der christlichen Initiation beizustehen bzw. das zu taufende Kind zusammen mit den Eltern zur Taufe zu bringen und auch mitzuhelfen, daß der Getaufte ein der Taufe entsprechendes christliches Leben führt und die damit verbundenen Pflichten getreu erfüllt.«
—CIC, can. 872

»§ 1. Damit jemand zur Übernahme des Patendienstes zugelassen wird, ist erforderlich: 1° […] er muß zudem geeignet und bereit sein, diesen Dienst zu leisten; […] 3° er muß katholisch und gefirmt sein sowie das heiligste Sakrament der Eucharistie bereits empfangen haben; auch muß er ein Leben führen, das dem Glauben und dem zu übernehmenden Dienst entspricht; 4° er darf mit keiner rechtmäßig verhängten oder festgestellten kanonischen Strafe behaftet sein; […]«
— CIC can. 874

Sonstige Einschränkungen

Namenskreative Eltern stoßen vielleicht auch auf ein anderes kirchenrechtliches Hindernis:

»Die Eltern, die Paten und der Pfarrer haben dafür zu sorgen, daß kein Name gegeben wird, der christlichem Empfinden fremd ist.«
— CIC, can. 855

Fazit

Der betroffenen Person wird nicht nur ein einfaches Ritual abverlangt. Sie muss Interesse am am Katholizismus heucheln, ein Versprechen über die katholische Erziehung ablegen, von dem sie schon vorher weiß, dass sie es nicht einhalten will. Wenn sie das nicht kann, muss sie einen Priester finden, der bereit dazu ist, die Taufe ihres sakramentalen Charakters zu berauben, da er so eine Taufe gar nicht erst zulassen dürfte. Das gleiche Problem stellt sich auch einem tatsächlich katholischen Taufpaten, und nichtkatholischen Taufpaten wird ebenfalls die gleiche Lüge und Heuchelei abverlangt wie der betroffenen Person.

Und so fragt sich: Kann jemand aus der Familie verlangen, dass man nicht nur selbst heuchelt und lügt, sondern auch anderen Personen die Heuchelei und/oder Lüge abverlangt? Der Autor würde denken, dass Leute, die so etwas verlangen, zu weit gehen, und es ist fraglich, ob sie ebenfalls der betroffenen Person zuliebe ihre moralischen Werte opfern würden.

Das allein sollte schon ein Grund sein, um von einer Taufe abzusehen, von den potentiell negativen Auswirkungen des Kirchenrechts und der katholischen Erziehung, die oft allgemein bekannt sind, möchte ich in diesem Artikel gar nicht erst anfangen.

4. »Welcome to this world«

Falls die betroffene Person der englischen Zunge mächtig ist, kann ich ein eindrucksvolles Video empfehlen, das auch Teile der obigen Werteargumentation bringt, aber mehr auf das Christentum allgemein bezogen:

»Welcome to this World«, von Seth Andrews‘ Youtube Kanal »The Thinking Atheist«. (Den Kanal kann ich allgemein empfehlen; er beschäftigt sich viel mit den Folgen des Religionsaustritts, die in den USA noch schlimmer sind als hierzulande)

5. Quellen

Als Quellen für kirchliche Vorschriften und Lehren dienten:

  • Codex Iuris Canonici (CIC), 6. Auflage 2009, ISBN 978-3-7666-0321-0, Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer
  • Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), R. Oldenbourg Verlag, München, korrigierter Nachdruck der Ausgabe von 2003, ISBN 978-3-486-58145-4
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