Sista Elisabeth, die Gebenedeite erzählt uns, was für ein pööööhses kleines Mädchen sie mal war …

(c) Sista Elisabeth

Wir sprechen hier von der Mitte des vorigen Jahrhunderts – ob sich seither viel geändert hat, ist zu bezweifeln, da die Kirche ja immer wieder darauf pocht, eine Institution zu sein, die ihre Kompetenz in Moralfragen auch mit ihrer langen Tradition „beweist“. Auch damals, wie eben heute noch immer, ging man mit sieben zur Erstkommunion. Das Kind, das bis dahin, war es ungetauft, im Todesfall mit der Erbschuld belastet ins ewige Fegefeuer gekommen wäre, durfte nun auch seine erste Beichte ablegen und dann eine Oblate feierlich auf der Zunge zergehen lassen, den recht geschmacklosen Leib Christi. Mit vorherigem Kommunionsunterricht. An den ich mich nicht erinnere, aber sehr wohl, was man uns eingebläut hatte, nämlich bei der ersten Beichte mit der einleitenden Formel „Ich bekenne vor Gott, dass ich folgende Sünden begangen habe“ seine Vergehen ins Ohr des hinter einem Gitter unsichtbar atmenden, raschelnden Priesters zu flüstern. Der würde dann eine Buße aussprechen, das Beten von etlichen Vaterunser und Gegrüßetseistdu, und man wäre erlöst von den drohenden Höllenqualen.

Und so pilgerte ich aufgeregt in die Lazaristenkirche, um dort die schrecklichen Sünden, die ich in meinen ersten sieben Lebensjahren begangen hatte, Gott zu bekennen. Warum er, der doch alles wissen sollte, ein menschliches Ohr brauchte, war mir schon damals nicht ganz klar, aber was weiß denn schon ein Volksschulkind. Die Erwachsenen hatten ja, zumindest damals, meistens Recht.

Und so kniete ich mich in den Beichtstuhl, als eines von vielen kleinen Mädchen, die da ihre Seele erleichtern durften. So weit, so gut. Ich hatte gelogen und – ich war nicht jeden Sonntag in der Kirche gewesen. Böses Schnaufen des Mannes hinter Gitter. „Und Deine Eltern, gehen die in die Kirche?“ Da ich gerade dem Lügen abgeschworen hatte, antwortete ich wahrheitsgemäß, nein, sie gingen gar nicht zur Kirche. „Na, dann kann ich dich nicht lossprechen,“ zischte der unsichtbare Vertreter Gottes – und warf das Fenster zu.

Da kniete ich nun, ohne Rettung vor dem Höllenfeuer. Ohne eine Buße, ohne Vergebung. Ich weiß noch, dass ich das als ziemlich peinlich empfand, denn wenn ich nun aus dem Beichtstuhl käme und gleich auch die Kirche verlassen würde, dann würde doch jeder wissen, wie derartig sündig und nicht einmal einer Buße ich würdig war. Ich kniete mich also zum Altar und murmelte irgendetwas, etwa gleich lang, wie ich es bei anderen beobachtet hatte. Was würde jetzt passieren? Das weiße Kleidchen, den Kranz, die (zum Hineinwachsen gekauften, vorne mit Watte ausgestopften) weißen Schuhe, wann würde ich die anziehen? Was war mit der Kommunionskerze?

Nichts passierte. Zumindest nichts, was ich erfuhr. Ich erzählte die schiefgegangene Beichte meiner Mutter und weiß leider bis heute nicht, was sich zwischen dem Pfarrer, zu dem sie sofort stürmte, und ihr in der dann vielleicht dann doch nicht so andächtig-stillen Kirche abspielte. Meine Sünden wurden offenbar doch vergeben, die Erstkommunion verlief nach Plan.

Meine katholische Karriere dann aber nicht ganz so planmäßig. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als Halbinternate oder Internate fast nur von der katholischen Kirche angeboten wurden. Alleinerziehend, berufstätig hatte meine Mutter keine andere Wahl, und so kam ich zu den Töchtern des Göttlichen Heilandes in der Kenyongasse. Abgesehen von unglaublich schrecklichem Essen und ziemlich teuren Gebühren nahm mich meine Mutter dort heraus, als sie hörte, wie Klosterschwestern zu den untröstlichen Eltern einer gerade verstorbenen Schülerin meinten, sie sollten sich doch nicht grämen, nein, froh sein, dass ihre Tochter noch unschuldig gestorben war. Ich kam in die Neulandschule, ebenfalls heftig katholisch, wurde von einem Priester bei einem „philosophischen Gespräch“ mit einem „Wenn Du es nicht glaubst, dann glaubst Du es halt nicht!“ aus dem Zimmer geworfen und trat gleich nach der Matura (zu der wir uns noch Dispens holen mussten, um Bücher, die auf dem katholischen Index standen, zu lesen, wie Satre, Camus, Brecht!) aus der Kirche aus. Eine schwere Enttäuschung, hatte ich mich doch schon voll Freude auf eine Austrittsdebatte vorbereitet, und dann interessierte es niemanden, war bloß eine Unterschrift auf einem Wisch beim Bezirksamt.

Und so bin ich vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, vielleicht der Geschichte, mit derartig schrecklichen Sünden, dass sie sogar Massenmörder und Serienvergewaltiger beschämen – denen wird ja, wie man hört, vergeben.